Fast jedes Beratungsgespräch beginnt mit dem Satz: Mein Dach zeigt aber nach Osten und Westen, das lohnt sich wohl nicht. Diese Sorge ist verständlich und in den meisten Fällen unbegründet. Die Ausrichtung ist wichtig, aber sie ist längst nicht der größte Hebel, und die Rangfolge der Himmelsrichtungen hat sich in den letzten Jahren verschoben.
Süden bringt den höchsten Jahresertrag
Ein nach Süden geneigtes Dach mit etwa 30 bis 35 Grad Neigung liefert über das Jahr die größte Strommenge je installiertem Kilowatt-Peak. Das ist der Referenzfall, auf den sich alle Ertragsangaben beziehen. Der Strom fällt dabei stark gebündelt um die Mittagszeit an: eine hohe, schmale Spitze.
Diese Spitze ist der Nachteil der Südausrichtung. Sie trifft genau in die Zeit, in der in vielen Haushalten niemand zu Hause ist. Der Überschuss geht ins Netz und wird mit wenigen Cent vergütet, während der Strom am Abend zum vollen Haushaltstarif zurückgekauft werden muss.
Ost-West liefert weniger, aber zur besseren Zeit
Eine Ost-West-Belegung erzeugt über das Jahr etwas weniger Strom als die reine Südlage. Dafür verteilt sie die Erzeugung auf zwei Spitzen, morgens und am späten Nachmittag, und liefert insgesamt ein breiteres, flacheres Tagesprofil. Das passt zum Verbrauch eines normalen Haushalts deutlich besser.
Zwei weitere Punkte sprechen für Ost-West. Erstens lässt sich ein solches Dach oft vollständiger belegen, weil beide Flächen genutzt werden. Aus etwas weniger Ertrag je Kilowatt-Peak werden dadurch am Ende häufig mehr Kilowattstunden insgesamt. Zweitens gewinnt der Eigenverbrauch weiter an Bedeutung, je niedriger die Einspeisevergütung ausfällt. Genau das ist die Richtung, in die sich die Förderung bewegt. Eine Ausrichtung, die zum eigenen Tagesablauf passt, ist damit unter heutigen Bedingungen oft die wirtschaftlichere Wahl, auch wenn die Ertragsprognose auf dem Papier niedriger aussieht.
Nordflächen: selten wirtschaftlich, manchmal aber Pflicht
Nach Norden geneigte Flächen liefern deutlich weniger, je steiler das Dach, desto weniger. Aus rein wirtschaftlicher Sicht belegen wir sie in der Regel nicht. Es gibt aber zwei Ausnahmen. Bei sehr flachen Dächern fällt der Unterschied zwischen den Himmelsrichtungen klein aus, dort kann sich auch eine Nordfläche rechnen. Und bei Neubauten oder umfassenden Dachsanierungen zählt die niedersächsische PV-Pflicht sämtliche Dachflächen zur Bemessungsgrundlage, unabhängig von der Himmelsrichtung. Dann wird die Belegung einer weniger ertragreichen Fläche unter Umständen zur Vorgabe.
Die Neigung ist weniger kritisch, als viele denken
Zwischen etwa 20 und 45 Grad bewegt sich der Jahresertrag in einem schmalen Band. Flachere Dächer liefern im Sommer relativ weniger und im Winter relativ mehr, weil die Sonne dann tiefer steht. Steile Dächer verhalten sich umgekehrt und haben den Nebeneffekt, dass Schnee besser abrutscht. Wer die Wahl hat, nimmt die Standardneigung. Wer sie nicht hat, verliert deutlich weniger, als er befürchtet.
Der größte Hebel heißt Verschattung
Wenn eine Anlage hinter den Erwartungen bleibt, liegt das in unserer Erfahrung selten an der Himmelsrichtung und meistens an Schatten. Ein Schornstein, der ab September über die Modulreihe wandert, eine Baumkrone im Nachbargarten, eine Gaube, ein Nachbarhaus: Solche Schatten kosten überproportional viel, weil sie nicht nur das betroffene Modul betreffen, sondern je nach Verschaltung ganze Modulstränge herunterziehen.
Dagegen lässt sich viel tun, wenn man es vorher weiß. Modulwechselrichter oder Leistungsoptimierer entkoppeln die Module voneinander, eine geschickte Stringaufteilung trennt betroffene von unbetroffenen Bereichen, und manchmal ist es einfach besser, eine Reihe weniger zu setzen. Wichtig ist, dass die Verschattung vor der Planung erfasst wird und nicht nach der Montage auffällt. Wir schauen uns dafür den Verlauf über den Tag und über das Jahr an, nicht nur den Zustand am Besichtigungstermin.
Was das für Ihre Planung bedeutet
Die Reihenfolge der Fragen lautet aus unserer Sicht: Erst die Verschattung, dann die nutzbare Fläche, dann der Tagesablauf im Haushalt und erst danach die Himmelsrichtung. Ein unverschattetes Ost-West-Dach ist für die meisten Haushalte die bessere Grundlage als eine Südfläche, über die ab Mittag ein Baum wandert.
Wenn Sie unsicher sind, wie Ihr Dach einzuordnen ist: Wir schauen uns das vor Ort an und rechnen die Varianten durch, bevor irgendetwas bestellt wird.
Regionaler Tipp: Ihr Dach im Solarkataster
Ausrichtung, Neigung und vor allem Verschattung müssen Sie nicht schätzen. Für nahezu jede Adresse in unserem Einzugsgebiet gibt es ein amtliches Solarkataster, das genau diese drei Größen aus Laserscandaten berechnet hat – kostenlos und ohne Anmeldung.
Zuständig sind je nach Wohnort der SolarDachAtlas des Regionalverbands Großraum Braunschweig für Braunschweig, Salzgitter, Wolfsburg, Gifhorn, Goslar, Helmstedt, Peine und Wolfenbüttel, das Solarkataster der Region Hannover, das Solardachpotenzialkataster des Landkreises Hildesheim, das Solarkataster des Landkreises Celle sowie das Solardachkataster Südniedersachsen für Göttingen und Northeim.
Welches Portal was leistet, wie alt die zugrunde liegenden Befliegungsdaten sind und welche Punkte ein Kataster grundsätzlich nicht beantworten kann, haben wir in einem eigenen Beitrag zusammengestellt: Solarkataster in der Region.
Quellen und weiterführende Informationen
- PV-Pflicht in Niedersachsen der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen, unter anderem zur Bemessungsgrundlage und zu Ausnahmen.
- EEG-Fördersätze der Bundesnetzagentur, für den Vergleich zwischen Einspeisevergütung und vermiedenem Strombezug.